Das Becken von Winzlar

Fundort: Winzlar, Kr. Nienburg, Niedersachsen
Funddatum: 1969
Ausgestellt: Landesmuseum Hannover
Fundort: Bronze
Datierung: um 700 v. Chr., Montelius Periode V/VI

Beschreibung des Gefäßes kurz: Das Becken ist 18,7 cm hoch, es hat Punzverzierungen auf dem gewölbten Boden und auf dem Hals. Sieblöcher sind im Kragen eingebracht und zwischen den Löchern findet sich eine Auffüllung mit Glasfluss. Der größte Gefäßdurchmesser an der Schulter ist 31,8 cm. [ausführliche Beschreibung]

Fundumstände

Beifunde: Eine henkellose, breite Terrine und große, nicht zusammenpassende Scherben von mindestens zwei großen, dickwandigen Grobgefäßen: anscheinend „fassartige Ausmaße“ (bis 2 cm Wandstärke). Eine verzierte Henkeltasse mit Ziermuster: schraffierte Dreiecke und Winkelband. Eine Goldnadel mit verziertem Scheibenkopf, fein gerillten Schaftoberteil. Im Becken war Leichenbrand eines Mannes im Alter von 40 bis 50 Jahren. Die Zuweisung zum Mann ist umstritten. Nachuntersuchungen erbrachten, dass das vorhandene Knochenmaterial für eine genaue Geschlechtsbestimmung nicht ausreicht. Indizien (niedrige Kinnhöhe, kleiner Oberkieferknochen) zeigen eher ein weibliches Skelett an. Zudem ist das Material aufgrund der aufgelockerten Knochenstruktur doch eher der senilen Altersstufe ab 60 Jahren zuzuordnen.

Bei Bauarbeiten; im Becken befand sich die Knochenasche und die Nadel. Die Henkeltasse war wahrscheinlich auch im Becken (Fundumstände rekonstruiert, siehe sonst [ausführliche Fundumstände]). Als Deckel für das Becken diente die große Terrine. Das Ganze scheint mit den Grobscherben umstellt gewesen zu sein.

Die Becken der nordischen Bronzezeit

Die Bronzebecken gelten als typische Funde der Jüngeren Nordischen Bronzezeit im Bereich des Nordischen Kreises. Außerhalb wurden nur vereinzelte Funde gemacht, wobei aber beträchtliche Entfernungen zurückgelegt wurden, wie der Fund von Petit-Vilatte, Dep. Cher (Frankreich) beweist. [ausführlicher Exkurs]


Ausführliche Beschreibung mit Ausrichtungen der Gefäßzonen von unten nach oben

Der Boden ist gewölbt, am Boden findet sich eine Unterteilung in 4 Verzierungszonen mit Wellenbändern aus einer unterschiedlichen Anzahl von Ritzlinien (9 Ritzlinien der Wellenbänder mit Verbindungsstegen aus 6 Ritzlinien). Das zentrale Motiv in der Bodenmitte ist das des „laufenden Hundes“ und einem Vierwirbel (für Verzierungsansprache wie „Laufender Hund“, genaue Zonenbeschreibung, etc. siehe Literatur/Abb.). Es folgt ein scharfer Umbruch zur Schulter (Schulterdurchmesser ca. 31, 8 cm, Schulter ist 2,8 cm breit), dabei ist die unverzierte Schulter ganz schwach ansteigend (fast rechtwinklig). Den Abschluss der Schulter bildet eine Rippe mit rundem Querschnitt, die zum Hals übergeht. Die Rippe findet sich am Halsansatz unten und oben, sie ist jeweils mit Einkerbungen versehen (siehe wieder Literatur/Abb. = Tremolierstich, zickzackförmig).

Der Hals verläuft ganz leicht konisch, überwiegend vertikal (Durchmesser 27,0 cm, Höhe von 5,2 cm). Dabei ist der Hals wieder reich verziert, auch wieder mit Zonengliederung, aber mit Mäanderbändern, die aus je 5 sehr feinen Ritzlinien gebildet werden (für genaue Beschreibung siehe wieder Literatur/Abb.). An der oberen runden Rippe sind 2 Ösen von flach rechteckiger Form in den Halsabschluss eingebracht (2,9 cm Breite, 0,6 cm Höhe).

Darüber ist waagerecht zur Gefäßinnenseite einziehend ein verdickter Ring (ca. 1,2 cm breit) mit gewölbter Oberseite, der zum Kragen (ca. 3,4 cm breit) ausläuft. Der Kragen verläuft weiter waagerecht bis leicht nach schräg unten und fortsetzend einziehend zur Gefäßmitte hin. Im Kragen sind vier konzentrische Reihen runder Sieblöcher mit erhöhtem Rand eingebracht. In den Zwischenräumen der Löcher sind Reste von Einlagen aus blauem Glasfluss. Die Löcher durchbrechen den Kragen siebartig, wobei einige jedoch verschlossen sind. In der Mitte ist eine runde Aussparung als Gefäßöffnung. Der Durchmesser der mittleren Gefäßöffnung ist 17,3 cm]


Ausführliche Fundumstände

die Funde von Winzlar wurden erst 6 Tage nach Auffindung bekannt gegeben. Erst dann wurde ein Suchschnitt bei der Fundstelle angelegt: in 0,6 m Tiefe war eine Grubenverfärbung von runder bis breitovaler Struktur im Planum zu sehen. Der Durchmesser der Grube war ca. 1,5 m, die Sohle der Grube ging noch bis in 0,9 m Tiefe. In der Mitte der Grube war eine runde Eingrabung von 0,25 bis 0,30 m Durchmesser. 1 bis 6 cm außerhalb der Eingrabung steckten 3 dickwandige Scherben eines sehr großen, rohen Gefäßes hochkant im Boden, 2 Scherben zeigten mit der Innenwandung zur Eingrabung, Scherbenauffindung war in Situ]


Literaturverzeichnis zum Becken von Winzlar

mündliche Mitteilung Hr. Dr. Stephan Veil, Oberkustos Landesmuseum Hannover

Olaf Höckmann: Beiträge zur Datierung des Brandgrabes mit gegossenem Bronzebecken von Winzlar, Kr. Nienburg. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz, 34. Jahrgang, Teil 1 (Mainz 1989), 235-259.

Ernst Sprockhoff und Olaf Höckmann: Die gegossenen Bronzebecken der jüngeren Nordischen Bronzezeit. Kataloge vor- und frühgeschichtlicher Altertümer 19 (Mainz 1979).

Klaus L. Voss: Eine reiche Brandbestattung der Jüngeren Bronzezeit von Winzlar, Kreis Nienburg/Weser. Neue Ausgrabungen und Forschungen in Niedersachsen 7 (Hildesheim 1972), 81-90.

Günter Wegner (Hrsg.), Leben-Glauben-Sterben vor 300 Jahren. Bronzezeit in Niedersachsen. Eine niedersächsische Ausstellung zur Bronzezeit-Kampagne des Europarates. Begleithefte zur Ausstellung der Abteilung Urgeschichte des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover, Heft 7 (Oldenburg 1997).


Exkurs "Die Becken der Nordischen Bronzezeit"

Die Bronzebecken gelten als typische Funde der Jüngeren Nordischen Bronzezeit im Bereich des Nordischen Kreises. Außerhalb wurden nur vereinzelte Funde gemacht, wobei aber beträchtliche Entfernungen zurückgelegt wurden, wie der Fund von Petit-Vilatte, Dep. Cher (Frankreich) beweist. Ihr Auftreten beschränkt sich auf die Perioden IV- bis VI (Periode IV und V lassen sich nicht immer deutlich voneinander trennen) mit einer deutlichen Ausbreitung in der Periode V und einem reduzierten Fundaufkommen in der Periode VI, d.h. sie fallen nach bisherigen Forschungsstand alle in den Zeitraum zwischen ca. 1000 bis 600 v.Chr. (Chronologie/Korrelation mit absoluten Daten: nach Montelius, u.a. z.B. Hofmann 2008, 17ff., Sprockhoff/Höckmann 1979, 24ff. Literaturanhang unten).

Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie im Bronzegussverfahren hergestellt wurden und einen gewölbten Boden aufweisen, der großflächig mit Verzierungen ausgestattet ist. Diese Verzierungen sind in Zierzonen gegliedert, die den gesamten Boden umlaufen. Sie können auch weitergeführt werden bei dem nach innen abgeknickten Hals. Gesichert ist, dass die Produktion der Becken von einheimischen Handwerkern geleistet wurde, was neuere Forschungsergebnisse beweisen (Heske 2010, 294ff., Heske 2013, 36, Heske 2016a, 20,21). Innerhalb des nordischen Kreises unterscheiden sich die Becken in Form und Ornamentik, wobei in den der Perioden Wechsel feststellbar sind. Die Verzierungen sind vielfältig, wobei z.B. Wellenbänder und Kreise in der Periode V dominieren. Hinzu kommen Barkenmotive und speziellere Einpunzierungen wie der „laufende Hund“ (bei Interesse: siehe Erklärungen/Beschreibung der Verzierungstechniken in der Literatur im Anhang). Deutlich ist auch eine Größenzunahme der Becken zur Periode V/VI zu verzeichnen. Hier kann das Becken von Winzlar mit seiner Größe als der krönende Abschluss der Entwicklung angesehen werden.

Bisher wurden sie im Fundkontext vom Hort oder Brandgrab entdeckt wie z.B. in Winzlar, wobei aber die Hortfunde überwiegend anzutreffen sind. In beiden Fällen sind sie vergesellschaftet mit Beifunden, die sie als Besitz oder Ausstattung der bronzezeitlichen Frau anzeigen, z.B. der Hort von Deinstedt, Ldkr. Rotenburg/Wümme. Erst die späten Bronzebecken, hier wiederum der Fund von Winzlar, können mit männlichen Bestattungsriten in Zusammenhang gebracht werden.

Die Funktion der Becken ist bis heute unbekannt, obwohl die Verwendung schon seit Anbeginn ihrer Entdeckungen ein Thema in der wissenschaftlichen Diskussion ist. Die anfängliche Deutung als Hängebecken wird mittlerweile verworfen. Dafür ist vermehrt die Interpretation als Bestandteil des Gürtels bei der bronzezeitlichen Frauentracht Teil der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Weiter kann auch ein sakraler Hintergrund vermutet werden, wobei aber die Abnutzungsspuren an den Ösen oder am Beckenboden keine klare Deutung des Zeremoniells zulassen. Im Zusammenhang mit einer „ersten Frau“ (Heske 2016b, 39,40) als wichtigste Person einer Gruppe von Frauen, die einen religiösen Festumzug bilden, könnte das Becken in den Händen dieser ersten Frau ein Bestandteil einer längst vergessenen sakralen Praktik sein. Allgemein kann wohl von einem wie auch immer gearteten Statussymbol ausgegangen werden, da die Anfertigung zu einem der Höchstleistungen der jungbronzezeitlichen Gusstechnik gezählt werden kann. Hierbei produzierte ein Meister seines Faches für eine Elite des Nordischen Kreises, die sich die Becken leisten konnte. Die Beispiele der gegossenen Bronzebecken sind überlieferte Zeugnisse dafür, wie gekonnt sogar große Formen wie das Becken von Winzlar oder Deinstedt beherrscht wurden.

Mit dem Beginn der Eisenzeit verschwinden die gegossenen Bronzebecken gänzlich. Gründe hierfür können nicht angegeben werden bzw. können vielfältig sein wie ein Wechsel der Trachtsitten oder eine Veränderung des religiösen Stellenwertes der Becken.


Literaturverzeichnis zum Exkurs "Die Becken der Nordischen Bronzezeit"

Immo Heske: Die Hünenburg bei Watenstedt, Ldkr. Helmstedt – Eine ur- und frühgeschichtliche Befestigung und ihr Umfeld. Göttinger Schriften zur Vor- und Frühgeschichte 29 (Neumünster 2006).

Immo Heske, Identifizierung und Datierung von Bronzefragmenten aus Börssum, Kr. Wolfenbüttel – Zur Fundkonzentration der gegossenen Bronzebecken im Nordharzvorland. Neue Ausgrabungen und Forschungen in Niedersachen, Band 27 (Neumünster 2008), 25-38.

Heske 2010: Immo Heske, Herrschaftssitz oder Elitenort? Zum Nachweis einer jungbronzezeitlichen Außensiedlung an der Hünenburg bei Watenstedt, Kr. Helmstedt, und ihre Bedeutung im überregionalen Vergleich. In: B. Horejs und T.L. Kienlin (Hrsg.), Siedlung und Handwerk. Beiträge zu den Sitzungen der Arbeitsgemeinschaft Bronzezeit auf der Jahrestagung des Nordwestdeutschen Verbandes für Altertumsforschung in Schleswig 2007 und auf dem Deutschen Archäologenkongress in Mannheim 2008. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 194 (Bonn 2010), 285-300.

Heske 2013: Immo Heske, Waren und Leben – Skizzen zu einer Mobilität zwischen den Landschaften. In: I. Heske, H.-J. Nüsse und J. Schneeweiss (Hrsg.), „Landschaft, Besiedlung und Siedlung“ Archäologische Studien im nordeuropäischen Kontext. Göttinger Schriften zur Vor- und Frühgeschichte 33 und Schriftenreihe des Heimatkundlichen Arbeitskreises Lüchow-Dannenberg (Hamburg 2013),33- 44.

Heske 2016a: Immo Heske, Die Hünenburg-Außensiedlung bei Watenstedt, Ldkr. Helmstedt. Funde und Befunde der Ausgrabungen 2005 bis 2010 (Hünenburg-Forschungen 2). Göttinger Schriften zur Vor- und Frühgeschichte 34 (Neumünster/Hamburg 2016).

Heske 2016b: Immo Heske, Prächtige Bronzegefäße und geheimnisvolle Frauen. AID 05/2016, 38-41.

Hofmann 2008: Kerstin P. Hofmann, Der rituelle Umgang mit dem Tod. Untersuchungen zu bronze- und früheisenzeitlichen Brandbestattungen im Elbe-Weser-Dreieck, Teil 1. Schriftenreihe des Landschaftsverbandes der ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden, Band 32 und Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme), Band 14 (Oldenburg/Stade 2008).

Regine Maraszek: Spätbronzezeitliche Hortfundlandschaften in atlantischer und nordischer Metalltradition. Veröffentlichungen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt-Landesmuseum für Vorgeschichte, Band 60/I (Halle 2006).

Sprockhoff/Höckmann 1979: Ernst Sprockhoff und Olaf Höckmann, Die gegossenen Bronzebecken der jüngeren Nordischen Bronzezeit. Kataloge vor- und frühgeschichtlicher Altertümer 19 (Mainz 1979).

Günter Wegner (Hrsg.): Leben-Glauben-Sterben vor 300 Jahren. Bronzezeit in Niedersachsen. Eine niedersächsische Ausstellung zur Bronzezeit-Kampagne des Europarates. Begleithefte zur Ausstellung der Abteilung Urgeschichte des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover, Heft 7 (Oldenburg 1997).